Dienstag, 28. April 2015

Lesungen

Früher bin ich noch ziemlich weit zu einer Lesung gefahren, heute kann ich es aus bestimmten Gründen nur noch im näheren Umkreis meines Wohnortes.  Und dort sind die Möglichkeiten natürlich schnell ausgeschöpft. Leider sind also Lesungen seltener geworden, was ich bedauere, denn ich habe großen Spaß daran und genieße die Situation während des Lesens intensiv.
Trotzdem begleitet mich seit 20 Jahren bei jeder Lesung die bange Frage, wie viele Zuhörer wohl kommen werden. Immer fürchte ich, dass ich vielleicht nur für zwei Zuhörer lesen müsste. Man kann es einfach nicht voraussehen.
 Ich habe schon fast alles gehabt: für mich als verhältnismäßig unbekannte Autorin überraschend viele, aber auch enttäuschend wenige Zuhörer. Eine ganz kleine Lesung von nur ungefähr 15 bis 20 Minuten hat mich vor Weihnachten 2013 einmal völlig fassungslos gemacht. Ich sollte während eines Weihnachtsmarktes in einer eiskalten Klosterkirche lesen. Wenige Wochen zuvor hatte ich in einer gemütlichen Gastwirtschaft bei noch gemütlicherem Kaminfeuer mit nur 15 Personen gelesen, allerdings aus einem neu erschienenen Buch, während dies hier nur eine kurze Weihnachtsgeschichte sein sollte. Ich war nun felsenfest davon überzeugt, dass mitten in Winter nicht mehr als drei Zuhörer in die nicht heizbare Klosterkapelle kommen würden. Zur Mittagszeit. Wer geht denn da zu einer Lesung?! Für mich schien alles zusammen eine denkbar schlechte Voraussetzung, um Zuhörer für eine nette kleine Weihnachtsgeschichte zu interessieren!
Ich versuchte, den Superintendenten zu überzeugen, dass kein Mensch kommen würde, schließlich hatte ich mit Lesungen Erfahrung, er nicht, aber er ließ sich nicht überzeugen. Ich hätte in der geheizten Kirche lesen wollen, vorne vielleicht ein, zwei Bänke dafür benutzen, aber nein – es musste die zwar schöne, aber eisige Klosterkapelle sein!
Also ging ich wie für eine Nordpolexpedition angezogen zur Lesung in die Kapelle. Da stand für mich ein Ohrensessel, und der Superintendent hatte mir noch eine extra Decke mitgebracht. Das nahm ich ungeniert und dankbar an, aber ich muss schon einen etwas befremdlichen Anblick geboten haben mit meiner schön dick gefütterten Skihose und einer warmen Decke über dem Schoß!  Es war mir egal. Ich mag es gern warm haben. 
Doch ich hatte von mir auf andere geschlossen, denn ich selbst wäre nie als Zuhörerin zu einer Lesung in einen Eiskeller gegangen!  Dann kamen sie, ich weiß nicht, wie viele, aber die ganze Kapelle war  bis hinten voll. Ich war fassungslos und dachte an meine vorhergehende Lesung am gemütlich warmen Kaminfeuer mit Kaffee und Kuchen …   
Doch ich ahne auch, warum so viele zu der Weihnachtsmarktlesung kamen: Die Kirche hatte es organisiert und bekanntgegeben. Und so ein Veranstalter ist kaum zu toppen! 
Im Normalfall aber kommt es bei der Besucherzahl am meisten auf den Bekanntheitsgrad des Autors an, aber auch auf die Uhrzeit, zu der die Lesung stattfindet, auf die Jahreszeit und sogar aufs  Wetter. Wird die Lesung mit Musik untermalt, ist das ein dickes Plus. Ich hatte das leider nur einmal. Doch in Scharen strömen Zuhörer nur, wenn der Autor richtig prominent ist. Vielleicht war er schon in Talk Shows zu sehen, oder er kann mit sonst noch etwas Besonderem aufwarten.
Aber als wenig oder vielleicht sogar unbekannter Autor bekommt man auch seltener Lesungen. Denn die Arbeit mit so einer Veranstaltung wollen sich Büchereien oder bei wem auch immer man lesen möchte, nur ungern aufhalsen, weil es sich „nicht lohnt“, so einen Aufwand für nur wenige Zuhörer auf sich zu nehmen.  Das ist mir so auch direkt schon gesagt worden.
Bedauerlich, aber das muss man wie so vieles im Leben einfach akzeptieren. 

1 Kommentar:

  1. Liebe Ute, ich kann mir schon gut vorstellen WIE baff du warst, ich wärs sicher auch gewesen.
    LESUNGEN, man fragt sich ja, sind sie überhaupt erwünscht als Kulturgut? Oder werden sie als überflüssig empfunden, du beschreibst ganz richtig unter welchen Kriterien sie ablaufen, Interessierte am Sprachgut müssen sein und wo man diese findet steht meist in den Sternen.
    Sicherlich hilft" ein bekannterer Name, ein vorheriger Auftritt egal wo, damit andere kommen um mitzuhören, aber auch die Werbung gehört dazu, ohne WERBUNG funktioniert heutzutage gar nix mehr. Mir tun immer ein wenig die Schauspieler leid, die in den Talk Shows ihre neuesten Produkte ( Bücher/+Filme) wie sauer Bier anpreisen müssen, der Mensch, der Charakter dahinter und damit seine Fähigkeiten verschwinden hinter bunt bemalten Wortbildern.

    AntwortenLöschen